von Tobias Weimann:In den letzten Jahren fällt eine Zunahme von Intoxikationen mit Dextromethorphan (DXM), einem frei verkäuflichen Hustenmittel, auf. DXM verschwand am Ende der 1980er Jahre zunächst aus den Szenen. Nun scheint es wieder in Mode zu kommen. Es wird in diesem Zusammenhang sogar von einigen Todesfällen berichtet.
Was ist Dextromethorphan?
Dextromethorphan (DXM) ist ein geruchloses, weisses, kristallines Pulver, das in Wasser praktisch unlösbar, aber in Chloroform löslich ist.
Seit 1954 ist es als Hustenmittel, insbesondere für trockenen Reizhusten, auf dem Markt. Erstmals wurde DXM relevant durch Soldaten in Vietnam missbraucht. In den 1980er Jahren wurde es häufig in der Punkszene als Droge gebraucht.
In den Medien häufen sich nun wieder Berichte über den Gebrauch als Droge. Von Experten wird davon ausgegangen, dass durch diese Berichte wiederum viele Jugendliche neugierig auf den Gebrauch als Rauschmittel werden und deshalb mehr mit DXM “experimentieren”.
Medikamente, die diesen Wirkstoff enthalten, sind relativ günstig in Apotheken erhältlich. Neben den frei erhältlichen Arzneimitteln werden aber auch Pillen auf der Strasse angeboten, die DXM meist in viel höheren Dosen enthalten. Die Substanz wird gelegentlich aus frei verkäuflichen Hustenmitteln gewonnen und als „Chrystal Dex“ vertrieben. Der Reinheitsgrad ist dementsprechend unterschiedlich.
Tabelle 1:
Einige Beispiele von Medikamenten, die DXM enthalten:
Bexin® - Sirup, Tropfen, Filmtabletten, Lutschtabletten (Schweiz)
Rhinottussal® (Kombipräparat mit Carbinoxamin und Phenylpropanolamin)
Silomat® DMP
Wick Formel 44 Husten-Stiller®
Wick Husten-Pastillen® gegen Reizhusten mit Honig
Wick MediNait® (Kombipräparat mit Paracetamol, Ephedrin, Doxylamin)
Hustenstiller-ratiopharm® Dextromethorphan Kapseln
Diese Übersicht ist nicht vollständig. Es gibt zahlreiche weitere Produkte, die DXM enthalten, auch in Kombinationspräparaten.
der Artikel weiter:
Wie wirkt Dextromethorphan?
Dextromethorphan hat eine ähnliche Molekülstruktur wie Morphin, jedoch entspricht die Wirkung eher der des PCP (so genanntes "Angel Dust") oder Ketamins. DXM wird im First Pass Effekt zum auch wirksamen Dextrorphan (DXO) umgewandelt. Die Ausscheidung erfolgt überwiegend über die Niere.
DXM und DXO wirken vor allem am Sigma- und am PCP2-Rezeptor. Über die Wirkung am Sigma-Rezeptor, der früher irrtümlich als Opiatrezeptor angesehen wurde, lässt sich die antitussive (Husten hemmende) Wirkung erklären. Zudem wirken beide NMDA-antagonistisch (wie Ketamin und PCP). Dadurch kommt es durch höhere Dosierungen zur Analgesie und einer dissoziativen Wirkung, weshalb es auch bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt wird. Gleichzeitig hemmen DXM und DXO die Serotonin-Wiederaufnahme. Die Aktivität der Flimmerhärchen (Cilien) wird nicht beeinflusst.
Die Wirkung von Dextromethorphan hält in der Regel mehr als 6 Stunden an. Es macht nicht körperlich abhängig, kann jedoch zu einer psychischen Abhängigkeit führen.

Foto: www.pixelio.de; Bild: Fionn Große
Welche Wechselwirkungen können auftreten?
Die gleichzeitige Einnahme von DXM und von Medikamenten, die über das gleiche Enzym abgebaut werden, kann zu erhöhtem Wirkstoffspiegeln und verzögertem Abbau führen.
Insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme von MAO-Hemmern (ältere Psychopharmaka) oder serotoninergen Arzneimitteln (SSRI, neuere Psychopharmaka) und Lithium kann es zu schweren Intoxikationen kommen. Eine gleichzeitige Gabe von serotoninergen Arzneimitteln führt zu einem serotoninergen Syndrom (einem durch bestimmte Arzneimittel verursachten, gefährlichen Krankheitsbild, siehe Tabelle 2 auf Seite 17).
Auch Grapefruitsaft kann zu einer Verstärkung der Wirkungen von DXM führen, da bestimmte Inhaltsstoffe das gleiche abbauende Enzym hemmt. Betablocker, Antihistaminika, Opioide und Alkohol führen zu einer beiderseitigen Wirkverstärkung durch eine verzögerte Ausscheidung und dadurch erhöhte Wirkstoffspiegel. In Kombination mit Alkohol kommt es vor allem zu Übelkeit und Erbrechen. Bei gleichzeitiger Einnahme von Beruhigungs- und Schlafmitteln kann die sedierende und atemepressive Wirkung verstärkt werden.
Wie äussert sich eine DXM-Intoxikation?
Bei niedrigen Dosen kommt es selten zu Nebenwirkungen. Gelegentlich führt die Einnahme zu Juckreiz am ganzen Körper. Bei prädisponierten Patienten kann eine Histaminausschüttung bis zu einer schweren Anaphylaxie führen.
Bei einmaliger hoch dosierter Einnahme oder auch bei wiederholter Einnahme höherer Dosen über 3 - 4 Tage, sowie bei verlangsamter Ausscheidung, kann es zu einer Intoxikation kommen. Der gewünschte psychotrope Effekt mit halluzinogener Wirkung tritt in der Regel nur bei Überdosierungen auf.
Komplikationen
Bei gleichzeitiger Einnahme von Beruhigungs- und Schlafmitteln kann die sedierende und atemepressive Wirkung verstärkt werden. Der Schweregrad ist in der Regel dosisabhängig, allerdings besteht eine grosse Variabilität (siehe auch Tabelle 3). Eine genetisch bedingte Verlangsamung des Abbaus von Medikamenten, unter anderem DXM, die bei ca. 10% - 15% der Bevölkerung auftritt, wird als Erklärung angenommen, weshalb gewisse Patienten schon bei niedrigen Dosen schwere Symptome zeigen. Einzelne Fälle von Überdosierungen bei Kindern und Jugendlichen verliefen tödlich. Die Einnahme von Kombipräparaten, wie z.B. mit Paracetamol, kann zu lebensgefährlichen Intoxikationen führen, indem die anderen Wirkstoffe überdosiert werden.
Die Zeichen einer Intoxikation (mehr als 1,5mg/kg KG) sind sehr vielfältig.
• Somnolenz
• Verwirrung
• Rauschgefühl
• seltener Halluzinationen und Psychosen
• unkoordinierte, weit ausholende, eher langsame Bewegungen
• Agitation
• häufig Tachykardie
• Mydriasis, Nystagmus, verschwommenes Sehen
• Erbrechen
• Hyperthermie
• Taubheit und Jucken der Haut
• Veränderung der Temperaturempfindung und Körperwahrnehmung
• bei höheren Dosen Fehlen des kutanen Schmerzempfindens
• charakteristisch veränderte Sprache: Wort- oder Silbenwiederholungen, ähnlich wie Stottern, kurze Sätze, veränderte Wortreihenfolge
• in höheren Dosen erhöhte Wahrnehmung tiefer Töne
››››› In schweren Fällen kommt es zu:
Koma, Krampfanfällen, massivem Blutdruckanstieg, Atemdepression
Tabelle 2:
Serotoninerges Syndrom
Das Serotoninierge Syndrom ist ein potentiell lebensgefährlicher Zustand. Wenn drei der folgenden Symptome vorliegen, kann es sich um ein Serotoninierges Syndrom handeln
•Bewusstseinsstörung
•Agitation
•Myoklonien
•Hyperreflexie
•Schwitzen Frösteln
•Tremor
•Diarrhoe
•Koordinationsstörung
•Fieber
Die Symptome des Serotoninergen Syndrom ähneln dem des Malignen Neuroleptischen Syndroms
Wie und weshalb wird Dextromethorphan konsumiert?
Die Einnahme grösserer Mengen DXM führt zu einer Dissoziation mit einer veränderten Zeitwahrnehmung. Der “Trip” wird meist nicht als positiv empfunden, sondern eher zur „Selbstfindung“ genutzt.
DXM wird fast immer geschluckt, Injektionen sind theoretisch möglich. Nasaler Konsum ist fast ausgeschlossen, da die Menge zu gross und der Kon-sum schmerzhaft wäre.
Wie wird eine Intoxikation therapiert?
Wie bei den meisten Intoxikationen steht der Erhalt der Vitalfunktionen im Vordergrund. Die Therapie ist symptomorientiert:
• Gabe von Aktivkohle bei Einnahme von höheren Dosen und < 1h, wenn Patient wach und orientiert ist, sowie keine wei teren Kontraindikationen vorliegen
• bei ausgeprägter Atemdepression oder Apnoe ist laut Hersteller Naloxon wirksam
• bei einem Krampfanfall werden Benzodiazepine eingesetzt
• Kühlung bei Hyperthermie (Serotoninerges Syndrom)
• bei Mischintoxikationen (z.B. durch Kombipräparate mit Paracetamol) ent- sprechende Therapie
Regelmässiger Konsum führt es zu einem dauerhaften Hirnschaden!
Auskunft zur Erstversorgung erteilen die jeweiligen Giftnotrufzentralen.
Tabelle 3:
Wirkungen abhängig von der Dosis
Plateau Dosis Wirkung
1. Plateau 1,5 - 2,5mg/kg KG schwach stimulierend
2. Plateau 2,5 - 7,5mg/kg KG ähnliche Wirkung wie Alkohol oder Cannabis, Bilder werden einzeln erfasst
3. Plateau 7,5 - 15mg/kg KG Halluzinationen treten auf, der dissoziative Effekt tritt ein („Körper von Seele trennend“), Musik wird intensiver wahrgenommen
4. Plateau > 15mg/kg KG völlige Dissoziation, ähnlich wie bei einer nicht
betäubenden Dosis Ketamin
Die hier angegebenen Dosen und Wirkungen sind nur Richtwerte (siehe „Wirkungen“)
Verfasser:
Tobias Weimann,
Ebmatingen (Schweiz)
Literatur beim Verfasser

