BVRD

Berufsverband für den Rettungsdienst e.V.
 
Crystal Meth – Die Monsterdroge ?
Geschrieben von Don am Dienstag, 25. Dezember 2007

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Was ist Crystal Meth?
Crystal Meth ist hochreines, kristallisiertes Methamphetamin, das wie Eis oder Glassplitter aussieht. Auf dem Markt wird es zum Teil blau, rosa oder anders eingefärbt, als kristallines Pulver vertrieben. Durch seinen niedriger Siedepunkt ist es in einer „Icepipe“ rauchbar, genauer gesagt, wird der Dampf inhaliert. Es gehört zur Gruppe der „Weckamine“ und untersteht dem BtMG. Seit dem 1.2.1998 lautet die amtliche Schreibweise Metamfetamin.




Crystal Meth kann relativ einfach aus Erkältungsmitteln und einigen weiteren Chemikalien hergestellt werden. Seit Anfang der 90er Jahre ist es in Deutschland erhältlich. Das in Deutschland vertriebene Crystal Meth kommt vorwiegend aus tschechischen Labors und  wird unter zahlreichen Bezeichnungen gehandelt (siehe Tabelle 1). Gelegentlich ist mit Chrystal  Meth auch PCP gemeint.

Wie wird Crystal Meth konsumiert?
Crystal Meth wird meist mit Hilfe einer Glaspfeife geraucht, bzw. verdampft oder auf  Aluminiumfolie erhitzt und inhaliert, manchmal auch geschnupft, oral aufgenommen oder in Wasser gelöst injiziert. In einigen Fällen wird es sogar rectal oder über die Urethra aufgenommen.  Crystal Meth, das geschnupft wird, ist teilweise mit feinen Glassplittern versetzt, um die Aufnahme durch kleine Verletzungen der Nasenschleimhaut zu verbessern.


Der Wirkeintritt ist beim Inhalieren oder Injizieren am schnellsten und wird meist mit einigen Sekunden angegeben. Die Wirkung tritt bei der oralen Aufnahme (z.B. mit Getränken) in der Regel erst nach 15 – 40min. ein. Man geht davon aus, dass das psychische Abhängigkeitspotential um so grösser ist, je schneller der Wirkstoffspiegel ansteigt. Eine physische Abhängigkeit entsteht nicht.

Wie wirkt Crystal Meth?
Metamphetamin ist durch seine Methylgruppe lipophiler als Amphetamin und gelangt daher rascher ins Gehirn. Dort führt es zu einer vermehrten Ausschüttung von Dopamin, Noradrenalin und Serotonin. Zusätzlich hemmt es die Wiederaufnahme der Neurotransmitter, wodurch der Spiegel im synaptischen Spalt weiter ansteigt. In hohen Dosen wirkt es auch in gewissem Masse als MAOI (Monoaminooxidase-Inhibitor). Methamphetamin wird durch die Methylgruppe relativ langsam zu Amphetamin verstoffwechselt und über die Niere ausgeschieden. Je nach pH-Wert des Harns wird es wieder in erheblichem Masse rückresorbiert. Je höher der pH-Wert des Urins ist, desto mehr wird wieder aufgenommen. Aus diesem Grund ist das Ansäuern des Harns eine optionale Notfalltherapie. Zusätzlich wird Amphetamin auch zu Norephedrin und p-Hydroxy-amphetamin weiter metabolisiert, die auch über
die Niere ausgeschieden werden.

Die Wirkdauer beträgt je nach Dosis und Aufnahmeweg 12 bis zu 72 Stunden.

Schon ab 50mg der reinen Droge, können bei nicht gewöhnten Personen zu toxischen Wirkungen führen. Durch Erschöpfung der Dopaminreserven und einem Untergang der Rezeptoren kommt es bei mehrmaligem Gebrauch schnell zu einem Gewöhnungseffekt, wodurch die Dosen nach und nach extrem gesteigert werden müssen, um einen gleichen Effekt zu erzielen. Dem Methamphetamin ähnliche Stoffe werden übrigens in der Medizin für unterschiedliche Zwecke eingesetzt. Chlorphentermin (Avicol®) wird als Appetitzügler verwendet. Das dem Amphetamin ähnlichen Methylphenidat (Ritalin®) setzt man unter anderem zur Therapie eines hyperaktiven Syndrom und Konzentrationsschwäche (attention deficit disorder) bei Kindern oder bei Narkolepsie bei Erwachsenen ein. Ephedrin wird vorwiegend zur Therapie von Hypotonien verwendet.

Was hat Crystal Meth für Wirkungen?
Die Wirkungen von Crystal Meth sind ähnlich denen von Kokain, jedoch einiges stärker. Es kommt zu einer Mydriasis und Bronchodilatation. Vor allem wird Müdigkeit unterdrückt, die Konsumenten können bis zu einige Tage am Stück wach bleiben und fühlen sich euphorisch. Appetit und Durstgefühl werden reduziert. Es kommt zu Nervosität und zwanghafter, planloser motorischer Aktivität und einem gesteigerten Sexualtrieb. Kontakte werden leichter geknüpft, die Konsumenten sind von dem von ihnen (viel) Gesagten überzeugter, dadurch nimmt die Kritikfähigkeit ab. Die Denkfähigkeit ist beschleunigt, wobei es nicht zu einer geistig effektiven Mehrleistung kommt.

Bei höheren Dosierungen kommt es zu Tremor und einem trockenem Mund. Es kann zu einem massiven Blutdruckanstieg, Herzrythmusstörungen, verstärktem Schwitzen und Hyperthermie oder einem Krampfanfall kommen. Eine Inhalation führt häufig zu einer pulmonalen Hypertonie und Embolie. Es kommt gelegentlich zu einer Rhabdomyolyse und im weiteren Verlauf dadurch zu einem Nierenversagen. Es kann in einigen Fällen zu sehr aggressivem Verhalten, auch in Verbindung mit paranoiden Wahnvorstellungen führen, weshalb Crystal Meth insbesondere in den USA häufig in den Schlagzeilen und sehr gefürchtet ist. In Nürnberg wurden 2005 47 Straftaten unter Crystal Meth gemeldet. Ein Kribbeln unter der Haut wird in extremen Fällen als unter der Haut krabbelnde Insekten wahrgenommen.



Soviel zu den möglichen Veränderungen nach dem “Genuß” von >Crystal Meth<

Illustration vonLilian Caprez

Eine latente Schizophrenie kann akut werden. In einer späteren Phase kann Crystal Meth durch den erhöhten Hämatokrit durch Flüssigkeitsverlust in Folge der Hyperthermie und des reduzierten Durstgefühls oder im Rahmen einer hypertonen Krise zu einem Apoplex führen. Gelegentlich kommt es zu Koma oder durch Hirnblutung oder Herzversagen zum Tod.

Durch i.v-Konsum werden häufig durch mehrfach oder gemeinsam verwendete Injektionsnadeln Krankheiten wie Hepatitis B und C oder HIV übertragen. Durch ungeschützten Geschlechtsverkehr
(insbesondere durch den erhöhten Sexualtrieb) unter Drogenkonsum kommt es sehr häufig zu Übertragung von HIV. Es kann durch verunreinigten Stoff zu Embolien (i.v.-Konsum) oder schweren Lungenschäden (Inhalation) kommen. Gleichzeitige Einnahme vor allem mit GHB, Barbituraten, Ecstasy und Viagra führen zu lebensbedrohlichen Wechselwirkungen. In Verbindung mit Alkohol kommt es häufig zu einem pathologischen Rausch (siehe RDJ 01-07, S. 23). Auf die Phase des Rausches folgt ein von Lethargie und Depression geprägter Kater. Bei häufigem Konsum kommt es zu schweren dauerhaften Schäden (siehe Tabelle 2). Crystal Meth führt zu einer starken psychischen, nicht aber physischen Abhängigkeit. Bei einem Entzug kann es für längere Zeit zu Schlafstörungen und Depression kommen.

Wie werden Patienten mit einer Intoxikation mit Crystal Meth im Rettungsdienst versorgt?
Der Selbstschutz muss unbedingt an erster Stelle stehen. Insbesondere bei aggressiven Patienten sollte Polizeischutz selbstverständlich sein. Es gibt kein Antidot, dass die Wirkung von Methamphetamin aufhebt. Die Versorgung findet symptomorientiert statt. Dabei stehen die Vitalfunktionen im Vordergrund. Dementsprechend sollte ein Standardmonitoring von Blutdruck, Pulsoxymetrie, EKG (ggf. 12-Kanal) selbstverständlich sein. Die Patienten trinken in der Regel über längere Zeit wenig und strengen sich häufig stark an.

Dadurch sind sie meist eher hypertherm und schwitzen viel. Es sollten entsprechend kristalloide Infusionen verabreicht werden. Dieses ist vor allem wichtig, um einem Nierenversagen durch eine Rhabdomyolyse vorzubeugen. Eine Kontrolle und nötigenfalls Anpassung des Blutzuckers ist obligat.

Bei aggressiven oder agitierten Patienten kann eine Sedierung notwendig sein. Hierzu bieten sich Benzodiazepine wie Midazolam oder Diazepam an.

Von Haloperidol wird abgeraten, da dieses im Verdacht steht, bei diesen Patienten irreversible Hirnschäden zu verursachen.

Tabelle 1: weitere Szenenamen für Crystal Meth:

Batu, Blade, Bambinos, Chald, Chalk, Christy, Chrystal, Crank, Crystal, Diamonts, Dixies, 64glass, Glass, Go-Fast, Hanyak, Hiropon, Hitler-Speed, Hot ice, Ice, Jugs, Kaksonjae, L.A., L.A. ice, L.A. glass, Mao, Meth, Mololies, Nazidroge, Perlik, Pernik, Piko, Quartz, Sauerstoffbombe, Schneecrystals, Shabu, Shards, Speed, Stove top, Super ice, tik, Tina, Tweak, Ups, Ventana, Vidrio, Yaba, Zip

Tabelle 2: Langzeitfolgen von Crystal Meth:

– schwere psychische Abhängigkeit
– Erschöpfung der Reserven von Neurotransmittern (Serotonin und Dopamin) und deren
   Rezeptoren

– toxische Psychose
– Schizophrenie
– Angststörungen
– Verfolgungswahn
– Halluzinationen
– Stimmungsschwankungen / aggressives Verhalten
– Gedächtnisverlust
– Schlafstörungen
– Depression und chronische Erschöpfung
– Autoaggressionen
– Magenschädigung
– extremer Gewichtsverlust
– Vitamin- und Mineralstoffmangel
– Starker Zerfall des Zahnschmelzes und Zahnausfall, u.a. durch Austrocknen der
   Mundschleimhäute,

   unterstützt durch die Vernachlässigung der Zahnhygiene der Süchtigen
– Organschädigungen, vor allem Lunge, Leber und Nieren
– gestörtes Immunsystem
– Pneumonie
– Tuberkulose
– Endokarditis, Schädigung der Herzklappen
– Blutverdickung bei gleichzeitiger Blutdrucksteigerung
– Beeinträchtigung und Degeneration der Nebenniere
– Hautekzeme
– Potenzstörungen



Die amerikanische Internetseite http://www.azag.gov/DEC/about_meth.html zeigt unter anderem wie “Meth” hergestellt wird und wie gefährlich es ist. Das Bild  zeigt die nach einem Polizeieinsatz gefundenen “Zutaten” zur Herstellung von Chrystal Meth. Alle diese “Zutaten” sind meist unprobelematisch in den Geschäften und drugstores der USA erhältlich. In den Vereinigten Staaten von Amerika warnen in vielen Bundesländern die Behörden auf ”websites” mit umfangreichen Aufklärungskampagnien vor Drogenmißbrauch  und seine Folgen. Trotzdem hat der Konsum von Chrystal Meth und anderen Drogen zugenommen.



Immer öfter müßen in vielen Bundesstaaten der USA sogenannte SWAT-Teams (Special Weapons und Tactics) ausrücken um den Herstellern der gefährlichen synthetischen Drogen, die oftmals auch schwer bewaffnet sind, das Handwerk zu legen. Die SWAT-Teams werden meist vom “Sheriff’s Office” oder dem “Police Department” einer Stadt oder eines Landkreises rekrutiert. Das Bild unten zeigt ein ehemaliges Ambulancefahrzeug, welches heute schwarz lackiert ist und im Südosten von Colorado (USA) von Sheriff und Police besetzt wird.


Foto: DON

Geschichte

1887      Amphetamin wurde von Edeleanu erstmals synthetisiert.
1910      entdeckten die beiden Physiologen Barger und Dale, dass Amphetamin dem  
              Adrenalin chemisch   ähnelt.
1919      kristallisiertes Metamphetamin wurde erstmals von Akira Ogata synthetisiert.
1920er  zeigten medizinische Tests die positive Wirkung von Amphetamin bei Depression
             und Erkältungskrankheiten.
1930er  wurde eine Reihe Studien durchgeführt. Es zeigte sich, dass die
             Spitzenleistungen nicht deutlich erhöht werden, Amphetamin jedoch die
             Ermüdung und Schläfrigkeit wirksam bekämpft.
            - Schnupfenpräparate auf Methamphetaminbasis kamen auf den amerikanischen
             Markt.
1938    Methamphetamin kam als Pervitin® in Deutschland auf den Markt.
1940 – 1945 im zweiten Weltkrieg nahmen amerikanische, japanische und deutsche
             Kampfflieger  und Panzerfahrer Methamphetamin im grossen Stil, um Ermüdung
             zu vermeiden:
             Schokolade mit Metamphetamin wurde für Piloten als Fliegerschokolade, für
             Panzerfahrer als  Panzerschokolade verteilt.
1950er Amphetamine wurden in den USA Standardmedikamente gegen leichte
            Depressionen und Übergewicht, so wie gegen Narkolepsie und weitere
            Erkrankungen eingesetzt.
1980er Methamphetamin verbreitete sich von Californien aus über die ganzen USA als
            Partydroge.
            seit 90er Crystal Meth wurde immer weiter, auch in Deutschland verbreitet.
2005     rund 1,5 Mio Amerikaner konsumierten regelmässig Crystal Meth.
2006     Crystal Meth verdrängte in Deutschland langsam Kokain als Partydroge.

Literatur
Beim Verfasser
Tobias Weimann, Ebmatingen (Schweiz)
für das Rettungsdienst-Journal 03/04-2007
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