BVRD

Berufsverband für den Rettungsdienst e.V.
 
Gedanken zur Berufspolitik
Geschrieben von red am Dienstag, 25. Dezember 2007

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In fast allen EU-Ländern findet die Ausbildung in den meisten Gesundheitsfachberufen mit dreijähriger Ausbildungsdauer mittlerweile an Fachhochschulen statt. Dies gilt nicht nur für Berufe wie Physiotherapeut/in oder Ergotherapeut/in, für die es seit einigen Jahren auch in der Bundesrepublik „ausbildungsintegrierende“ Studiengänge an Fachhochschulen gibt, sondern auch für Gesundheitsfachberufe wie Medizinisch Technische(r) Assistent(in) oder Krankenpfleger(in). Vielmehr werden die meisten dreijährigen Gesundheitsfachberufe in den anderen EU-Staaten im Rahmen eines „grundständigen dreijährigen Studiums“ an Fachhochschulen oder im Rahmen von Fachhochschulstudiengängen an Medizin-Fakultäten von Universitäten ausgebildet. Zugangsvoraussetzung ist in der Regel das (Fach-)Abitur oder eine gleichwertige Vorbildung. Eine Ausbildung an Berufsfachschulen gibt es dort nur für die Kurzausbildungen in verschiedenen Berufsfeldern (z.B. Krankenpflegehelfer/in).

Um aufzuzeigen welche Auswirkungen eine Hochschulausbildung „Krankenpflege“ auf die Berufspraxis von Krankenpflegerinnen und Krankenpflegern in Spanien hat, möchte ich an dieser Stelle die dortige Kompetenzverteilung zwischen Ärzten und Krankenpflegepersonal einfließen lassen, die ich während einer zweitägigen Hospitation in einer internationalen Privatklinik auf Mallorca kennenlernen konnte.

Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger haben dort große Kompetenzen: Im EMERGENCY ROOM leiten sie bei Akut- und Notfallpatienten selbständig erste medizinische Maßnahmen ein, sie nähen Wunden selbständig und führen bei Wiedervorstellungen von Patienten fallbezogen Nachuntersuchungen selbständig durch. Auf Station entscheiden sie innerhalb eines festgelegten Rahmens zum Teil über die Medikation. Der Chefarzt dieser Klinik sagte dem Verfasser: „Es gibt keinen Grund, den Arzt nachts zu wecken oder außerplanmäßig zu rufen, um zu fragen, ob der Patient ein Schmerzmittel bekommen soll oder wieviel er davon bekommen soll. Dafür haben die Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger eine adäquate Ausbildung, zudem werden sie von mir und meinen Kollegen ausreichend überwacht!“ Grundlage dieser Kompetenz ist aber auch in Spanien eine Hochschulausbildung für die das Abitur Zugangsvoraussetzung ist. Trotz hoher Arbeitsbelastung und mäßiger Bezahlung ist das Personal hoch motiviert. Über den Aufgabenbereich und die begrenzten Kompetenzen von Schwestern und Pflegern in Deutschland wurde der Kopf geschüttelt. Gleichzeitig wurde betont, daß man in dieser Hierarchie nicht arbeiten würde. Wer nun denkt, der medizinische Standard sei dort wahrscheinlich schlechter, den möchte ich eines besseren belehren. Ich konnte erleben wie schwerkranke Patienten mit Herzinfarkt oder Magenperforation schnell und kompetent durch die Teams des EMERGENCY ROOM und der Intensivstation versorgt wurden. Auch eine Reanimation auf der Intensivstation lief praktisch wie in einem Lehrfilm ab.

Konsequenz der Ausbildung nach deutschem Muster ist, daß die Absolventen der deutschen Krankenpflegeausbildung in vielen EU-Staaten keine Chance haben, eine Anstellung als „vollwertige“ Krankenpflegekraft zu erhalten. Erfahrungen, die deutsche Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger wohl schon häufig machen mußten. Eine deutsche Krankenschwester, die seit Jahren auf Mallorca lebt, berichtete mir während meiner Hospitation folgendes: Sie hatte sich in dieser Klinik auf eine freie Stelle beworben, bekam die Stelle aber aufgrund der „eher einfachen und pflegelastigen“ deutschen Ausbildung nicht; nun ist sie in dieser Klinik am Empfang und als Übersetzerin tätig.

Auch in den Niederlanden findet die reguläre Krankenpflegeausbildung auf FachhochschulNiveau statt. Im niederländischen Rettungsdienst, in dem keine Ärzte eingesetzt werden, kommt Krankenpflegepersonal mit der Zusatzausbildung zum/zur „Fachkrankenpfleger/in Rettungsdienst“ zum Einsatz. Im Rahmen eines „Supervisionsverhältnisses“ versorgen sie Notfallpatienten auf einem Niveau, das der Versorgung durch den Notarzt in Deutschland nicht nachsteht. Ein deutscher Rettungsassistent hat und hätte auch mit einer dreijährigen Ausbildung an einer Berufsfachschule keine Chance, als verantwortliche Kraft auf einem Rettungswagen in den Niederlanden tätig zu werden. Ihm bleibt nur die Tätigkeit als „RTW-Fahrer“.

Rettungsdienst ist in (fast) jedem EU-Land anders organisiert. Es existieren sog. „arztzentrierte Systeme“, „Mischsysteme“ und „Paramedic- / Nurse-Systeme“. Die Systeme zu vergleichen ist schwierig, da selbst in der Fachliteratur viele wichtige organisatorische Aspekte sehr oft grob verzerrt oder völlig falsch dargestellt werden. Tatsache ist aber, daß in den höher entwickelten Rettungsdienst-Systemen der EU-Länder, die als Mischsystem oder Paramedic- / Nurse-System eingeordnet werden können, als verantwortliche Kraft auf dem Rettungswagen meist entweder eine Kraft mit Krankenpflegeausbildung auf FH-Niveau oder eine Kraft mit Paramedic-Ausbildung auf FH-Niveau zum Einsatz kommt. Gäbe es (auch) in Deutschland einen Fachhochschulstudiengang „Präklinische Notfallversorgung“, hätten die Absolventen nicht nur die Möglichkeit in der Bundesrepublik im Rettungsdienst zu arbeiten, sie hätten auch gute Chancen, in vielen Rettungsdienst-Systemen im EU-Ausland zu arbeiten.

In Österreich, einem Land in dem Tradition groß geschrieben wird und in dem die Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen bisher ähnlich der in Deutschland war, findet gegenwärtig ein beachtenswerter Umbruch statt. Die Ausbildung in sechs Gesundheitsfachberufen (Ergotherapeut/in, Hebamme/Entbindungspfleger, Medizinisch Technische/r Laborassistent/in, Medizinisch Technische/r Radiologieassistent/in, Orthopist/in sowie Physiotherapeut/in) wird gegenwärtig von den beruflichen Schulen an die Fachhochschulen verlagert. In einigen österreichischen Bundesländern wird bereits nach dem neuen System ausgebildet, die anderen Bundesländer werden im nächsten oder übernächsten Jahr folgen. Ab 2010 wird in Österreich dann eine Ausbildung zur Hebamme, zum Physiotherapeuten oder in einem anderen der genannten Berufe nur noch an einer Fachhochschule möglich sein. Einen guten Einblick in die neuen Ausbildungen und insbesondere in die teilweise neuen Berufsbezeichnungen und auch Kompetenzen gewährt die Homepage der Fachhochschule Salzburg http://www.fh-salzburg.ac.at.


Foto: www.bilderbox.at

Viele werden sich jetzt fragen: „Und was tut sich diesbezüglich in der Bundesrepublik Deutschland?“ Zunächst ist festzuhalten, daß das Angebot an „ausbildungsintegrierenden“ (Bachelor-)Studiengängen, aber auch an Master-Studiengängen an Fachhochschulen für die Berufsgruppen Pflege, Physiotherapie und Ergotherapie wächst und auch angenommen wird. Aber auch auf der politischen Ebene ist nun Bewegung in die Sache gekommen. Der „Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung des Gesundheitswesens beim Bundesministerium für Gesundheit“ sprach sich in seinem Gutachten von 2007 für eine neue Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsberufen aus. Den Akademisierungsprozeß der Gesundheitsfachberufe bewertete er positiv. Gleichzeitig plädierte er für unterschiedliche Ausbildungsniveaus innerhalb der einzelnen Gesundheitsfachberufe. Das Gutachten ist im Internet zur Einsicht und zum Download verfügbar
http://www.svr-gesundheit.de.

Zudem sprachen sich die Ministerinnen und Minister sowie Senatorinnen und Senatoren für Gesundheit der Länder auf ihrer Konferenz am 5. Juni (80. Gesundheitsministerkonferenz) einstimmig für die Aufnahme von Öffnungsklauseln analog § 4 VI Krankenpflegegesetz in die Berufsgesetze der übrigen Gesundheitsfachberufe aus. Diese Öffnungsklauseln sollen der Erprobung neuer Ausbildungsformen, konkret der Erprobung der akademischen Ausbildung dienen. Das Bundesministerium für Gesundheit wurde gebeten, einen Gesetzesentwurf zu erarbeiten und in das Gesetzgebungsverfahren zu geben.

Fazit:
Wenn die rettungsdienstliche Ausbildung mit dem Niveau der Ausbildung in anderen Gesundheitsfachberufen Schritt halten soll, wenn das über zwei oder über drei Jahre ausgebildete Rettungsfachpersonal mit den Angehörigen der anderen Gesundheitsfachberufe mit dreijähriger Ausbildung auf gleicher Augenhöhe bleiben soll, dann wird es notwendig werden, schon in naher Zukunft einen Teil, etwa 20 Prozent der Berufsgruppe, an Hochschulen auszubilden - und dies nicht nur aus berufspolitischen Gründen.

Hinweis:
An der „Hochschule für angewandte Wissenschaften - FH München“ fand am 5. Oktober das Hochschulforum „Wissenschaftliche Qualifizierung der Gesundheitsberufe“ statt, über das wir auf den folgenden Seiten berichten. Das Programm, Kurzfassungen der Vorträge sowie weitere Informationen zum Hochschulforum und zur Thematik sind im Internet verfügbar.
http://www.hm.edu/gesundheit

Anschrift des Verfassers:
Dr. Gerhard Nadler
c/o Institut Rettungswesen (IBSR)
Postfach 13 32, 82003 Unterhaching
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